Medienstar - Medienopfer
Zum soeben erschienen Buch "Der öffentliche Mensch" von Dr. med. Mario Gmür, Zürich

Der Umgang mit den Medien ist heute für jede öffentliche Person eine diffizile Gratwanderung. Der Zürcher Arzt und Psychiater, Dr. med. Mario Gmür, hat dieses Phänomen zum Thema seines neuen Buches "Der öffentliche Mensch" gemacht.

"Das Geschehen in der medialen Arena ist das voyeuristisch-exhibitionistische Spiel mit Scham und Schuld, mit Intimität und Offenheit, mit Macht und Ohnmacht. Es hat in den letzten Jahren extreme Formen angenommen."

Noch anfangs der 60er Jahre nahm man als selbstverständlich an, dass die Medien sachlich, nüchtern objektiv, sozusagen "unhysterisch und so diskret wie möglich" ihre Aufgabe wahrnahmen. Ebensowenig kannte man in jener Zeit die kriminalistischen und recherchierenden Eigenaktivitäten. Der seriöse Berichterstatter leistete Qualitätsjournalismus und nur die Boulevardpresse, die vom kultivierten Bürgertum ohnehin nicht zur Kenntnis oder gar ernst genommen wurde, entgleiste gelegentlich, indem sie die Trauerreaktion der Bevölkerung auf dem Petersplatz in Rom über den Tod des Papstes Stunden vor dessen Ableben im Bild zeigte.

Der Autor sieht die Wegmarke des Aufbruchs in ein neues Medienzeitalter in den späten 60er Jahren in einer eigentlichen Versinnlichung der Publizistik. Oeffentlichkeitsarbeit wurde in jener Zeit zunehmend emotionalisiert, dramatisiert, dialogisiert, intimisiert und moralisiert. Hier legte man die Grundsteine für das zukünftige Infotainment. "Dem Unterhaltungsstil in Presse, Rundfunk und Fernsehen kommt eine partizipatorische Funktion zu, insofern das Medium den Kontakt zum Benutzer herstellt und sich als Partner zur Verfügung stellt." Es verwischen sich die Grenzen zwischen Anbieter und Abnehmer, er wird direkt involviert und weiss oft nicht mehr, ist er nun der Zuschauer dieses Programmes oder ist er selbst Akteur. Die unzähligen Talkshows oder interaktiven Quizsendungen legen davon beredtes Zeugnis ab. "Der Mensch schafft sich das Medium, das ihn beeinflusst und prägt."

Damit einher geht der zunehmende Verlust des Privaten, der Intimsphäre und des Individuellen. Die invasivste Form des Recherchier- und Emotionsjournalismus üben die Paparazzi aus, denen jedes Mittel recht ist, um zur Schlagzeile zu kommen. Eine mildere Form wird bei den "Homestories" praktiziert, die ja von den Betroffenen selbst autorisiert werden, die aber dank des Talents des Berichterstatters oft auch in ungewollten Bekenntnissen münden. Selbst die politische Reportage wird personifiziert und emotionalisiert: "Der Gefühlsjournalismus ist ganz auf Provokation, Steigerung und Verallgemeinerung der Gefühle aus, während der politische Inhalt als solcher in den Hintergrund tritt und nur als Gefühlskatalysator herzuhalten hat."

Das Rampenlicht der Medienöffentlichkeit bestimmt zunehmend unser emotionales und unser soziales Sein. Und es gebiert ein Phänomen, das der Autor als Medienopfersyndrom beschreibt. Medien schaffen Stars und Opfer. In seiner therapeutischen Praxis hat sich Dr. Mario Gmür auf die Behandlung von Menschen spezialisiert, die freiwillig oder unfreiwillig in die Medienfalle geraten sind. Er analysiert mit profunder Sachkenntnis das Verhalten der Opfer, das Agieren der Täter und wie sich die Grenzen zwischen beiden auflösen. Er geht dabei jenen psychischen Faktoren nach, die Ursache sind für Exhibitionismus und Voyeurismus, oder auch für die Wechselwirkung der beiden Phänomene.

Im medialen Infotainment werden die verschiedensten menschlichen Gefühlsebenen und Probleme gleichgeschaltet, nivelliert. Der Autor spricht von einem Zeitalter der Isovalenz. "Probleme unterschiedlichster Tragweite werden in ein und denselben Topf geworfen. Reisefieber, Suizidalität, Autofimmel, Pyromanie oder Untreue werden gleichbedeutend behandelt, was zu einer Banalisierung des Abnormen, einer Dramatisierung des Gewöhnlichen und einer Verschleierung des sozialmoralischen Wertesystems beiträgt."

Die Akteure der medialen Arena unterteilt der Autor in vier Gruppen: "Erstens die Politiker, die über das Medium ihren Einfluss geltend machen wollen und ihren Popularitätstest absolvieren; zweitens freischaffende, nicht durch einen politischen Status oder Auftrag motivierte Akteure wie Künstler, Sportler, Publizisten etc.; drittens freiwillige unbekannte Akteure, die sich aus Geltungssucht ins Rampenlicht drängen, wie z.B. Teilnehmer von Talk Shows und Big Brother; und viertens unfreiwillige Akteure, über die ohne deren Wissen oder Zustimmung berichtet wird, wie Unfallopfer, Angeklagte, Angehörige von Prominenten etc." Und immer gibt es darunter Gewinner und Verlierer, eben Stars und Opfer.

Anhand zahlreicher Falllbeispiele erklärt und erhärtet Gmür seine Analyse. Ob man nun obligatorisch oder freiwillig den Umgang mit den Medien pflegt, das Buch ist Hilfe und "Eye opener" zugleich! Mario Gmür plädiert darin für eine bewusst-reflektierte Handhabung des Verhältnisses zwischen Privatheit und Oeffentlichkeit, denn nirgends ist die Fallhöhe grösser als im Rampenlicht der Medien.

(Mario Gmür: "Der öffentliche Mensch", erschienen im Deutschen Taschenbuch Verlag, Februar 2002)


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